
Ehrlich, unverblümt und direkt. So berichtet die Filmregisseurin und Erbin des Camping-Deltas in Locarno, Daniela Ambrosoli, in ihrem Buch über die eigene Familiengeschichte. Die Vernissage hätte am 17. April in Zürich stattfinden sollen …
Christina Brändli
Daniela Ambrosoli ist eine «Tochter aus besserem Haus», so jedenfalls bezeichnet sich die Unternehmerin in ihrem gleichnamigen Buch selbst. Die heute 78-Jährige ist die einzige gemeinsame Tochter des Tessiner Geschäftsmannes Pierino Ambrosoli und der deutschen Ausdruckstänzerin Sonja Bragowa. Das Familienleben der Ambrosolis war alles andere als harmonisch. Die Mutter war schlicht unfähig, die Tochter zu lieben, und erzog sie mit strenger Hand; der Vater verwöhnte sie und versuchte alles, um Unheil von ihr fernzuhalten. Ambrosoli wuchs einsam unter Dienstmädchen auf. Erst in der Schule schloss sie Freundschaften und begann ihren Weg selbst zu bestimmen: «Ich war eine Rebellin», sagt sie heute.
In ihrem Buch erzählt Daniela Ambrosoli ungeschönt und manchmal brutal ehrlich aus ihrer Familiengeschichte. Sie spricht über das Doppelleben ihres Vaters, den Hass der Mutter. Sie berichtet von der Übernahme der Geschäfte nach dem Tod des Vaters, wie dem Camping-Delta in Locarno und der Gründung der Pierino Ambrosoli Foundation, mit der sie junge Talente auf der ganzen Welt in ihrer Tanz- und Musikausbildung unterstützt. Aber auch über die Einwanderung der Familie Ambrosoli in die Schweiz und darüber, wie sich die Familie ihren Wohlstand erarbeitete, und vom Verlust ihrer ersten grossen Liebe durch einen tragischen Autounfall.
Daniela Ambrosoli, Sie sind Mutter, Unternehmerin, Mäzenin, Gründerin und Präsidentin der Pierino Ambrosoli Foundation sowie Filmregisseurin. Welche Rolle ist Ihnen die liebste?
Das hängt ganz von der jeweiligen Epoche ab. Als ich Mutter wurde, war ich mit Leib und Seele für meine Kinder da. Heute bin ich leidenschaftliche Filmregisseurin.
Es kann der Eindruck entstehen, dass Sie auf vielen Hochzeiten tanzen. Verzetteln Sie sich nicht mit so vielen Projekten?
Es fiel mir schon immer leicht, mich mehreren Aufgaben zu widmen. Wenn ich an einem Film arbeite, gehe ich ganz darin auf, aber ich kann mich am selben Tag auch wieder ganz auf die Stiftung einlassen. Zum Glück liegt uns Frauen das Multitasking im Blut.
Mit welcher Absicht haben Sie das Buch geschrieben?
Meine Familie ist 1883 aus dem italienischen Lavena in die Schweiz eingewandert. Diese Geschichte fand ich schon immer spannend und wollte sie darum zu Papier bringen. Das Buch handelt mehr von meiner Familie als von mir. Ich finde mich persönlich nicht besonders spannend.
Haben Sie rasch einen Verlag gefunden?
Ich habe viele Absagen erhalten. Oft war der Grund, dass mein Buch nicht in das Konzept des Verlages passe. Umso glücklicher bin ich nun mit dem Ergebnis. Und ich hoffe, meine Familie wird genauso zufrieden sein.
Wie hat Ihre Familie darauf reagiert, dass Sie Ihr Leben öffentlich machen?
Meine Söhne und mein Mann sind sehr locker damit umgegangen. Meine Tochter hingegen wollte erst nicht Teil des Buches sein. Ich musste viel Überzeugungsarbeit leisten. Sie hat ihren Beitrag sehr genau kontrolliert.
War es schwer, so viel Persönliches preiszugeben?
Ich wollte in meinem Buch nichts verheimlichen. Es gibt Passagen im Buch, von denen selbst meine Kinder bis jetzt nichts wussten.
Zum Beispiel?
Es gab viele Männer in meinem Leben. Nicht von allen habe ich ihnen erzählt. Auch von meiner ersten Schwangerschaft wussten sie nichts.
Sie lassen auch andere in Ihrem Buch zu Wort kommen wie Ihren Mann und Ihre Kinder oder Ihre Halbschwester. Warum?
Die Familie besteht aus uns allen. Darum war es mir sehr wichtig, dass auch die anderen ihre Sicht erzählen können. Meine Halbschwester von der Mitarbeit zu überzeugen war ein Kampf. Unser Verhältnis war immer sehr schwierig.
Waren Sie überrascht, als Sie den Beitrag Ihrer Schwester gelesen haben?
Sie hat am Anfang ihrer ganzen Wut freien Lauf gelassen. Das hat mich total schockiert, es hat aber auch dazu geführt, dass wir miteinander redeten. Durch die Arbeit am Buch hat sich unser Verhältnis unglaublich gebessert.
Ihre Geschichten sind sich sehr ähnlich. Beide wuchsen bei, sagen wir, schwierigen Müttern auf. Das hätte Sie verbinden können.
Als mein Vater meine Mutter verliess, um mit seiner neuen Familie zu leben, war das in einer Zeit, in der man sich noch keine glückliche Patchwork-Familie vorstellen konnte. Unsere Mütter hätten sich bestimmt die Haare ausgerissen.
Sie haben den Beitrag Ihrer Schwester aber trotzdem in Ihrem Buch belassen.
Er ist ein Teil der Geschichte und für den Leser sicher auch interessant zu lesen.
Hatten Sie nicht Bedenken, jemanden blosszustellen?
Eigentlich nicht. Ich habe eher erwartet, dass sich im Vorfeld jemand beschwert. Aber alle waren mit ihren Passagen einverstanden.
«Reiche Leute sind auch nur arme Leute mit viel Geld», das ist ein Satz aus der Ankündigung zur Vernissage. Wie meinen Sie das?
Ich hatte trotz unseres Wohlstandes eine sehr schwierige Kindheit. Das lehrte mich, dass Geld in vielen Dingen weiterhilft, doch es macht nicht glücklich.
Was würden Sie sagen, wenn Ihnen jemand vorwirft, nur eine reiche Frau zu sein, die über ihr privilegiertes Leben jammert?
Ich würde der Person sagen, sie solle versuchen, sich in meine damalige Lage zu versetzen. Meiner Meinung nach arbeite ich sehr hart für mein Leben, auch wenn ich morgens in kein fremdes, sondern mein eigenes Büro fahre.
Sie drehen selbst Dokumentarfilme. Wie wäre es mit einem Film über Ihr Leben?
Tatsächlich hat die Planung für einen Dokumentarfilm in der Tessiner Fernsehsendung «Storie» bereits begonnen. Da ich mich aber für nicht besonders fotogen halte, bin ich sehr auf den Film gespannt.
Warum gründeten Sie die Pierino Ambrosoli Foundation?
Es war schon lange mein Wunsch gewesen, die schönen Künste zu fördern. Nach dem Tod meines Vaters nutzte ich einen Teil der Erbschaft, um die Foundation zu gründen und junge Tanz- und Musiktalente zu unterstützen.
Nach 30 Jahren wird die Pierino Ambrosoli Foundation dieses Jahr ihre Tätigkeit einstellen. Warum dieser Schritt?
Ich möchte aufgrund meines Alters etwas kürzertreten und mich auf die Arbeit als Regisseurin konzentrieren. Zudem ist der Teil meiner Erbschaft, mit der ich die Stiftung gründete, aufgebraucht.
Wie schwer ist Ihnen diese Entscheidung gefallen?
Heute ist es eine Erleichterung. Im Juli werden wir das Ende der Stiftung mit einem Fest feiern. Dabei werden viele ehemalige Stipendiaten und berühmte Künstler auftreten. Und es werden zwei Weltpremieren aufgeführt.
Wie hat Ihre Mutter, die ehemalige Tänzerin, auf die Gründung der Foundation reagiert?
Sie war wütend, denn sie hatte erwartet, dass ich die Stiftung nach ihr benenne. Doch durch unser schlechtes Verhältnis wäre mir das nie in den Sinn gekommen. Dennoch ist die Stiftung auch eine Hommage an sie und ihre Tanzkarriere.
«The Making of a Dream» ist Ihr bekanntester Film und beschäftigt sich mit dem Thema Tanz. Was bedeutet er Ihnen?
Sehr viel. Ich möchte vermitteln, wie viel harte Arbeit hinter dem Leben eines Tänzers steht. Und er ist ebenfalls eine Widmung an meine Stiftung und an alles, was mich mit dem Tanzen verbindet.
Was sind Ihre nächsten Projekte?
Mein neuer Film «John & John» ist auf Ende des Jahres geplant. Im Mittelpunkt steht das homosexuelle Ehepaar John und John. Ich habe sie und ihre Familie über mehrere Jahre begleitet. Daneben bin ich noch stark in der Führung des Camping-Deltas in Locarno eingespannt.
Sie sind oft unterwegs. Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Obwohl ich nicht oft hier bin, daheim fühle ich mich in meinem Haus in Zürich.
Wie haben Sie es geschafft, trotz diverser Schicksalsschläge Ihren Mut nicht zu verlieren?
Einerseits nahm ich mir immer ein Vorbild an meinem Vater. Er war unglaublich tüchtig und ein ganz toller Mensch. Andererseits bin ich aus all diesen Schwierigkeiten gestärkt hervorgegangen. Heute habe ich eine wundervolle eigene Familie und bin sehr glücklich.
Erschienen in den Lokalinfo-Zeitungen vom 14. Mai 2020.