«Warum sind alle Prinzessinnen weiss?»

Bretagne-Fan Gabriela Kasperski vor der Geschichtenbäckerei, die sie gemeinsam mit ihrem Mann führt. Foto: Christina Brändli

«Als Kind wollte ich Schauspielerin werden», erzählt Gabriela Kasperski. Heute kann sie nicht nur sagen, dass sie sich ihren Traum erfüllen konnte, sondern auch, dass ihn aufzugeben gar nicht so schwer war.

Gabriela Kasperski als Tausendsassa zu bezeichnen, trifft es wohl am ehesten. Mit gerade mal 19 Jahren ergatterte sich Gaby Schwager, wie Kasperski ledig hiess, ihren ersten Job als TV-Moderatorin einer Musiksendung. Die Anglistik-Studentin zog es schon früh ins Rampenlicht. Sie war im Radio zu hören, in Filmen zu sehen oder lieh ihre Stimme für zahlreiche Werbespots und Animationsfilme: «Mit 20 kann man das noch alles gleichzeitig», sagt sie mit einem Schmunzeln.
Zwischen ihrem 20. und 30. Lebensjahr stand sie mit Schauspielgrössen wie Jörg Schneider, Erich Vock oder Paul Bühlmann auf der Bühne und verwirklichte sich ihren Kindheitstraum der Schauspielerei. «Ich spielte lange in Zürich, bevor ich zum Stadttheater Luzern ging.» Ihren Mann lernte sie ebenfalls hinter einem Theatervorhang kennen. Die beiden heirateten und als sich Nachwuchs ankündigte, hängte Kasperski das Textbuch an den Nagel: «Die Schauspielerei hat sich für mich nicht mit meinem Familienleben vereinbaren lassen», erzählt sie. Ob es nicht schwer gewesen sei, ihren Kindheitstraum aufzugeben, wollen wir wissen: «Zu diesem Zeitpunkt nicht mehr», sagt sie so überzeugend, dass keine Nachfrage nötig ist.

Späte Karriere

Ihre Karriere als Autorin begann sie nach der Geburt ihres ersten Sohnes mit 35 Jahren, was in ihren Augen eher spät, jedoch nicht aussergewöhnlich sei: «Ich habe immer 100 Prozent gearbeitet und hatte kaum Zeit für neue Projekte. So geht es vielen Frauen», erklärt sie. Das literarische Schreiben nutzte sie damals als kreatives Ventil zu ihren Auftragsarbeiten. Noch heute adaptiert sie Filme und Serien für den deutschen 3sat, zu dessen Zusammenschluss auch die SRG gehört. Ausserdem arbeitet sie als Drehbuchautorin, Regisseurin, Sprecherin, veranstaltet gemeinsam mit ihrem Mann Workshops zum Thema kreatives Schreiben oder ist Expertin in der selektiven Filmförderung des Bundesamtes für Kultur. Heute ermöglichen ihr ihre, wie sie sagt, «Brotjobs», den Luxus, Bücher zu schreiben: «Ziel ist es, dass ich mir irgendwann bewusst Zeit nehmen kann, um nur an meinen Büchern zu arbeiten», so Kasperski. Denn derzeit muss sie die Arbeit an ihren Büchern meist nach den kleinen freien Lücken in ihrem vollen Terminkalender richten: «Meine Familie ist es gewohnt, dass ich immer schreibe. Am Abend, am Wochenende, in den Ferien.» Wer sich achtet, könnte die Autorin sogar schreibend im Tram oder im vollen Restaurant entdecken, denn schreiben könne sie überall.

Neuer Krimi

Ihre neue Krimiserie «Bretonisch mit Meerblick» spielt in der Bretagne. Ein Ort, den Kasperski nur zu gut kennt: «Wir reisen seit Jahren im Sommer in die Bretagne. Ich mag die Gegend sehr», sagt sie. Die Romanreihe komme viel leichter daher als ihre bisherigen Krimis: «Man nennt diese Art von Krimi ‹Cosy Crime›.» Übersetzt «Kuschelkrimi». «Der Ton ist humorvoller. Die ganze Atmosphäre, das Essen, die Musik, die Gerüche spielen eine genau so grosse Rolle wie der Krimi selbst. Ich finde, es ist ein sehr sinnliches Buch», so die Autorin. Hauptfigur der Geschichte ist Tereza Berger, die völlig unerwartet ein Haus in der Bretagne erbt und darin eine Buchhandlung eröffnet. Als am Strand eine Leiche gefunden wird, gerät sie unter Mordverdacht.
Doch auch die Fans von etwas schwerer Kost müssen nicht mehr allzu lange warten, der sechste Teil der bekannten «Schnyder & Meier»-Serie wird im November erscheinen. Ausserdem ist mit «Quittengrab» der vierte Band der Krimiserie für den Zürcher Krimipreis nominiert. Ein Grund mehr, die Buchreihe zum ersten oder zum zweiten Mal zur Hand zu nehmen.

Tochter als Inspiration

Abwechslung findet Kasperski auch in ihrer Yeshi-Kinderbuchreihe. Darin begibt sich die dunkelhäutige Hauptfigur Yeshi auf abenteuerliche Reisen. Inspiriert zu der Geschichte hat Kasperski ihre Adoptivtochter. Die heute 12-Jährige stammt aus Äthiopien und kam als Baby in die Familie: «Wir haben uns damals noch ein Kind gewünscht und uns für eine Adoption entschieden», gewährt uns die Schriftstellerin einen Einblick in ihr Familienleben. Den Wunsch, für ihre Tochter ein Buch zu schreiben, hatte sie schon früh: «Wir fanden kaum Bücher, in denen sie als Hauptfigur repräsentiert wurde», so Kasperski. Das fiel auch der damals Fünfjährigen auf und sie fragte ihre Mutter: «Warum sind eigentlich alle Prinzessinnen weiss?» Gemeinsam begannen Mutter und Tochter die Figur Yeshi zu kreieren. Die erste Geschichte um das ebenfalls adoptierte Mädchen Yeshi wurde 2018 mit dem Werkbeitrag des Kantons Zürich geehrt.
Mit «Agentin Yeshi» steht der zweite Teil der Kinderbuchreihe in den Startlöchern und wird im August erscheinen. Darin begibt sich Yeshi auf die Suche nach dunkelhäutigen Heldinnen.

Erschienen in den Lokalinfo-Zeitungen vom 09. Juli 2020.