
Sogar beim Blick auf Google Street View ist die Vitrine direkt an der Hausecke des heutigen Kinderhortes Sihlweid 2b in Leimbach gut zu erkennen. Um zu sehen,, dass die Bekanntmachung im Kasten bereits 14 Jahre alt ist, muss man jedoch etwas nähertreten.
Christina Brändli
Der Informationskasten am ehemaligen Schulhaus an der Leimbachstrasse 144 ist wohl das Paradebeispiel dafür, wie oft Dinge einfach übersehen werden. Oder wie sonst lässt es sich erklären, dass die kleine graue Box direkt neben der Treppe zum Haupteingang des heutigen Kinderhortes offenbar seit 14 Jahren bei Wind und Wetter unbeachtet ihr Dasein fristet? Das fragte sich ein aufmerksamer «Zürich 2»-Leser und schickte ein Foto des besagten Kastens an die Redaktion.
Der Schlüssel ist verschwunden
Nachdem die Schule aus dem Gebäude ausgezogen war, beherbergte das Gebäude 30 Jahre die Quartierwache Leimbach. 2006 zog auch die Polizei aus. Zurück blieb eine Vitrine, in der bis heute ein leicht angegrauter, etwas knittriger, aber dennoch gut lesbarer Aushang verkündet, dass die Quartierwache Leimbach ab Montag, 3. April 2006, bis auf weiteres geschlossen bleiben werde. Aus «bis auf weiteres» wurde «für immer». Was die Zeit überdauerte, ist die Glasvitrine an der Hauswand.
Die Bewohnerinnen und Bewohner von Leimbach sollten sich damals an eine der beiden verbliebenen Quartierwachen in Wollishofen oder in der Enge wenden. Sollte heute aber jemand an der Tannenrauchstrasse 88 in Wollishofen eine Quartierwache suchen, wird er nicht von uniformierten Gesetzeshütern empfangen, sondern von weiss bekittelten Ärzten. Denn auch dort wurde aufgrund der Zentralisierung der Polizeiwachen in Zürich der Standort Wollishofen bereits vor acht Jahren geschlossen. Die Liegenschaft Leimbachstrasse 144 ist Eigentum der Immobilien Stadt Zürich (Immo). «Damals hat die Polizei als Nutzerin der Liegenschaft den Schaukasten selbst bewirtschaftet», sagt Silvan von Wartburg von der Immo Zürich auf Anfrage. «Als die Schule als heutige Nutzerin das Gebäude übernahm, sah sie offenbar keinen Nutzen in der Vitrine.» So ging der kleine Schaukasten also schlicht vergessen. Doch was passiert nun mit dem Glaskasten? «Nach Abklärungen mit der Schule sieht es so aus, dass auch weiterhin kein Interesse daran besteht, die Box zu nutzen. Hinzu kommt, dass der Schlüssel verschwunden ist», so von Wartburg. Sollte also nicht wie durch ein Wunder der Schlüssel wieder auftauchen, sieht es schlecht aus für die Vitrine an der alten Quartierwache.
Alte Arrestzelle im Keller
Martin Gächter ist seit dem Einzug des Mittag- und Abendhorts Sihlweid 2b Leiter des Hausdienstes in der ehemaligen Quartierwache Leimbach. Angesprochen wurde er auf die Vitrine oder ihren Inhalt noch nie. Er aber sieht im alten Schaukasten der Polizei einen Zeitzeugen, den er eigentlich gerne erhalten würde: «Ich finde es lässig, dass die Leimbacherinnen und Leimbacher so daran erinnert werden, dass es hier früher eine Polizeiwache gab», sagt er, und seiner Stimme ist die Begeisterung für den alten Kasten anzuhören. Er erzählt, dass im Haus noch eine ganz andere Erinnerung an die damalige Zeit schlummert: «Im Keller ist immer noch die alte Arrestzelle mit dem Guckloch in der Tür.» So manch ein junger Leimbacher habe schon für ein paar Stunden Bekanntschaft mit der Zelle gemacht, scherzt er: «Besonders, wenn er mit seinem frisierten Töffli erwischt wurde.»
Wo der Schlüssel steckt, weiss auch der langjährige Hauswart nicht: «Ich werde jetzt aber mal bei der Kreiswache Enge nachfragen. Vielleicht haben die noch einen Schlüssel », so Gächter. Für ihn gehört der Kasten einfach zum Haus dazu: «Es wäre schade, ihn abmontieren zu müssen. Der Kasten stört ja niemanden. » Sollte es dennoch so weit kommen, würde der Schaukasten bei Gächter ein gutes Zuhause finden: «Sollte er abgenommen werden, würde ich ihn gerne behalten.»
Erschienen in den Lokalinfo-Zeitungen vom 14. Mai 2020.